{"id":2756,"date":"2023-05-05T09:56:40","date_gmt":"2023-05-05T09:56:40","guid":{"rendered":"http:\/\/methodik-bruch.de\/w\/?page_id=2756"},"modified":"2023-05-05T09:58:44","modified_gmt":"2023-05-05T09:58:44","slug":"nie-allein","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/methodik-bruch.de\/w\/?page_id=2756","title":{"rendered":"Nie allein"},"content":{"rendered":"<p>[vc_row][vc_column][vc_column_text font_weight=&#8220;100&#8243; responsive_line_height=&#8220;.wpb_text_column_1730677339 .wpb_wrapper{desktop:px;tablet:px;tablet_portrait:px;mobile_landscape:px;mobile:px;property:line-height}&#8220;]<\/p>\r\n<h1><strong>Nie allein<\/strong><\/h1>\r\n<p><strong>Torsten Bruchs Choreographien der Selbst-Erkundung und Ich-Erweiterung<\/strong><\/p>\r\n\r\n<p>Die Figur des Doppelg\u00e4ngers, der Doppelg\u00e4ngerin hat in der <em>Schwarzen Romantik<\/em> ab 1800 Konjunktur: als Auslagerung und Abspaltung der dunklen Schat\u00adtenseiten des Individuums ebenso wie als Befrei\u00adungsschlag aus dem Korsett rigider Verhaltensnor\u00admen. Auch als zeiten- und kultur\u00fcbergreifende Gestalt des Clowns oder Narrs, der \u2013 wie in der An\u00adfangskarte des Tarots \u2013 den Fu\u00df in die Luft setzt, auf dass diese tragen m\u00f6ge, ist sie unterwegs.<\/p>\r\n\r\n<p>Im Werk des Hamburger Medien- und Installationsk\u00fcnstlers Torsten Bruch (*1973, Hannover) sind Doppelg\u00e4nger*innen seit 2004 wiederkehrende Er\u00adscheinungen. Weniger unheimlich als pikaresk, we\u00adniger d\u00e4monen- als elfenhaft tauchen sie als leicht\u00adf\u00fc\u00dfige Ausdehnungen des Ich auf: Rollenspieler*innen in einem Lebensst\u00fcck, die die Erprobung vieler verschiedener Seiten des Seins gestatten. Seit Beginn seiner Laufbahn sch\u00f6pft Bruch aus der Per\u00adformance. Zwischen Skulptur, Installation, Videobil\u00addern, realen und virtuellen R\u00e4umen agierend, setzt er die Vervielf\u00e4ltigungsstrategie des Individuums in kollektiver Addition als Methode der Selbsterweite\u00adrung und nicht zuletzt auch der Selbst<em>begegnung<\/em> ein, die indes immer wieder scheitert. Denn seine Repliken reagieren nicht auf die freundlichen Ann\u00e4\u00adherungen seiner selbst aus parallelen Wirklichkei\u00adten. Sie sind auf eigenen Bahnen (und Beinen) un\u00adterwegs, so dass sich die Routen stets nur beinahe kreuzen. So bleibt das performativ vorangetriebene Treffen mit der eigenen Person ein offenes Work-in-Progress, das immer wieder vor Augen gef\u00fchrt wird, letztlich aber ein Ding der Unm\u00f6glichkeit bleibt, zumindest f\u00fcr den Moment. Bruch bezeichnet sich selbst als Videoperformer und Bildhauer. Aber er ist zugleich auch Regisseur, Gestalter und B\u00fchnenbil\u00adder, Akteur*in, Chors\u00e4nger*in, Sportler*in und Erforscher*in kosmischer Welten.<\/p>\r\n\r\n<p>Die Reduplikatio\u00adnen des K\u00fcnstlers umfassen m\u00e4nnliche wie weibli\u00adche, vegetabile und auch animalische Protagonist*innen: von der Geisha bis zum z\u00fcnftigen Leder\u00adhosentr\u00e4ger (so etwa auch 2010 als Pappaufsteller mit Sprechblase zum Selbstausf\u00fcllen unter dem Titel \u201e<em>Make your own Torsten<\/em>\u201c realisiert), von der Ro\u00admangestalt bis zum Magier oder Astronauten, vom tanzenden Gem\u00fcse bis zur Qualle. Anders als die oft alptraumhaft-d\u00fcsteren Doppelg\u00e4nger*innen des romantischen Schriftstellers und Meister des Schau\u00ader-Genres, E. T. A. Hoffmann (1776\u20131822), sind die von Bruch in Szene gesetzten Kopien des eigenen Ich tendenziell heitere Erkunder:innen mannigfaltiger Seinszust\u00e4nde: Es sind gewisserma\u00dfen Selbsterfah\u00adrungsgruppen in Personalunion. Denn auch darum geht es: um Rollenwechsel, die dem K\u00fcnstler wie im Schauspiel die M\u00f6glichkeit geben, Existenzwei\u00adsen zu erproben, die sonst nicht gegeben w\u00e4ren, bis hin zur Verk\u00f6rperung eines \u00bbnicht-organischen\u00ab M\u00f6belst\u00fccks: dem ikonischen Billy-Regal des schwe\u00addischen Einrichtungshauses IKEA.<\/p>\r\n\r\n<p>Zu seinen j\u00fcngsten Choreographien der Selbst-Reflexion und Ich-Erweiterung geh\u00f6ren die in Saar\u00adbr\u00fccken vereinten Arbeiten \u201e<em>Ping-Pong<\/em>\u201c (5-Screen-Videoinstallation, 2016), \u201e<em>Billy<\/em>\u201c (neunteilige Serie von Fotos nach Live-Performances in der niederl\u00e4ndi\u00adschen Stadt Groningen, 2018), \u201e<em>Space Station<\/em>\u201c (6-Screen-Videoinstallation, 2021) und \u201e<em>Under the Sea<\/em>\u201c (digitale Collage\/Videoprojektion, 2022). <strong>\u201e<em>Ping-Pong<\/em>\u201c<\/strong> zeigt auf f\u00fcnf im Kreis angeordneten Bildschir\u00admen ein Ping-Pong-Spiel zwischen mehreren Einzel\u00adpersonen (Bruch in verschiedenen Kost\u00fcmierun\u00adgen), die den Ball jeweils mit ihrem Schl\u00e4ger an den n\u00e4chsten Spieler weitergeben. Alle Bildschirme ste\u00adcken in Geh\u00e4usen, die zusammengenommen die \u00bbGeschichte der laufenden Bilder\u00ab (Bruch) an den Orten ihres Auftretens erz\u00e4hlen, beginnend mit Ki\u00adno und Leuchtreklame bis hin zu Fernsehbildschirm, Computer und Handy. Kleidungsdetails des Akteurs verweisen zus\u00e4tzlich auf das \u00bbAlter\u00ab der jeweiligen Medien, deren visuell-mediale Paradigmenwechsel so auf mehreren Ebenen zum Tragen kommen: Die skulpturale Formgebung folgt dabei der Verkn\u00fcp\u00adfung der filmischen Sequenzen. Die Fotoserie <strong>\u201e<em>Billy<\/em>\u201c<\/strong> beruht wiederum auf Performances, in deren Verlauf Bruch buchst\u00e4blich ins gleichnamige Regalsystem beziehungsweise eine Nachbildung dessen einge\u00adstiegen ist und sich damit verbunden hat. Man kann sich die \u00dcberraschung ahnungsloser Einkaufender in der IKEA-Filiale in Groningen nur vorstellen, als sie pl\u00f6tzlich ein belebtes Regal vor sich hatten, aus dem Bruchs Antlitz herausblickte.<\/p>\r\n\r\n<p>Mit der Installation <strong>\u201e<em>Space Station<\/em>\u201c<\/strong> hat der K\u00fcnstler nun eine ganze Raumstation mit Verbindungstun\u00adneln kreiert, durch die sich Astronauten (allesamt Vervielf\u00e4ltigungen des K\u00fcnstlers) schwerelos bewe\u00adgen, bevor sie um Ecken biegend verschwinden oder aus unsichtbaren Winkeln wieder auftauchen. Die skulpturale Einfassung, die die sechs Bildschir\u00adme \u2013 vier Quer- und zwei mittig angeordnete Hoch\u00adformate \u2013 umrandet, ist der ISS-Station nachemp\u00adfunden. Planetenger\u00e4usche der NASA, verbale Apol\u00adlo-17-Sequenzen sowie gesampelte CB-Funk-Mit\u00adschnitte aus dem Internet bilden den spacigen Soundtrack, der die optische Low-Tech-\u00c4sthetik (die Raumstationsmodule bestehen aus Pappe und Holz\u00adst\u00e4ben, die Raumfahrer gleiten tats\u00e4chlich auf fes\u00adtem Grund auf einem Rollbrett) im High-Tech-Ambi\u00adente konterkariert. In seinem \u00bbAstronautenballett\u00ab, wie Bruch den Reigen der Raumfahrer treffend nennt, wird nochmals die Pr\u00e4zision seiner choreo\u00adgraphischen Versuchsanordnungen greifbar. In sei\u00adner aktuellsten Arbeit <strong>\u201e<em>Under the Sea<\/em>\u201c<\/strong> (2022) \u2013 produ\u00adziert als Projektion f\u00fcr einen Brunnen in Japan, wo er schon h\u00e4ufiger auf Einladung von Institutionen k\u00fcnstlerische Projekte umsetzte \u2013 bringt er im trans\u00adparenten Folienkost\u00fcm die Unterwasserwelt von Quallen in verschiedenen Varianten mit lebensech\u00adter Anmut zur Anschauung. Der besondere Zauber dieser Arbeit basiert, wie das gesamte Schaffen von Bruch, auf einer Kombination technisch h\u00f6chst kom\u00adplexer Verfahren und m\u00e4rchenhaft-spielerischer Ide\u00adenf\u00fclle: eine Magie, die an Gerdt Bernhard von Bassewitz\u2018 \u201ePeterchens Mondfahrt\u201c (1912) oder Antoi\u00adne de Saint-Exup\u00e9rys \u201eDer kleine Prinz\u201c (1943) ebenso denken l\u00e4sst wie an die ornamentalen Wasserbal\u00adlett-Synchronisationen in Filmen der 1940er- und 1950er-Jahre, aber auch Stoffe aus Literatur, Film, Musik, Science-Fiction und Alltag neueren Datums evoziert. In seiner harlekinischen Ausweitung des Denkbaren macht Bruch die Wunder unserer Welt und die Kraft der Imagination sichtbar: immer auf der Suche nach dem \u00bbAnderen\u00ab im Eigenen, den noch unentdeckten Aspekten, Optionen und Mani\u00adfestationen des Selbst.<br \/><strong><em>Dr. Belinda Grace Gardner (2022)<\/em><\/strong><\/p>\r\n<p>\u00a0<\/p>\r\n<p>[\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row]<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[vc_row][vc_column][vc_column_text font_weight=&#8220;100&#8243; responsive_line_height=&#8220;.wpb_text_column_1730677339 .wpb_wrapper{desktop:px;tablet:px;tablet_portrait:px;mobile_landscape:px;mobile:px;property:line-height}&#8220;] Nie allein Torsten Bruchs Choreographien der Selbst-Erkundung und Ich-Erweiterung Die Figur des Doppelg\u00e4ngers, der Doppelg\u00e4ngerin hat in der Schwarzen Romantik ab 1800 Konjunktur: als Auslagerung und Abspaltung der dunklen Schat\u00adtenseiten des Individuums ebenso wie als Befrei\u00adungsschlag aus dem Korsett rigider Verhaltensnor\u00admen. 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