{"id":2222,"date":"2020-03-03T10:21:58","date_gmt":"2020-03-03T10:21:58","guid":{"rendered":"http:\/\/methodik-bruch.de\/w\/?page_id=2222"},"modified":"2023-05-05T09:42:10","modified_gmt":"2023-05-05T09:42:10","slug":"%ef%bb%bfbegegnungen-des-anderen-im-eigenen","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/methodik-bruch.de\/w\/?page_id=2222","title":{"rendered":"\ufeffBegegnungen des Anderen im Eigenen"},"content":{"rendered":"<p>[vc_row][vc_column][vc_column_text font_weight=&#8220;100&#8243; responsive_line_height=&#8220;.wpb_text_column_1217852473 .wpb_wrapper{desktop:px;tablet:px;tablet_portrait:px;mobile_landscape:px;mobile:px;property:line-height}&#8220;]<\/p>\r\n<h4><strong>Begegnungen des Anderen im Eigenen<\/strong><\/h4>\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Torsten Bruchs dekonstruktive Rollenspiele und Selbstbefragungen<\/h3>\r\n\r\n<p>Ein Text von Belinda Grace Gardner.<\/p>\r\n\r\n<p>Der Mensch ist ein Haus, mit geheimen Kammern, verborgenen Winkeln und \u00fcberraschenden Blickachsen, die unerwartete Ansichten offenbaren. In einer seiner fr\u00fchesten Installationen, <strong><em>Familienhaus<\/em><\/strong> von 1998, hat Torsten Bruch ebenjenes im Modell nachgebaut und als \u201eErinnerungswerkzeug f\u00fcr Familiengeschichte\u201c in den Raum gestellt. Das vergr\u00f6\u00dferte Abbild eines Fensters diente als Hintergrund f\u00fcr einen Schattenriss des K\u00fcnstlers, der seinerseits als zweidimensionales Gef\u00e4\u00df f\u00fcr Fotos von diversen Familienangeh\u00f6rigen fungierte. Schon in dieser biografischen Arbeit, zu der eine mobile Miniaturplattform mit Einmachgl\u00e4sern unterschiedlichen Inhalts geh\u00f6rte, hat sich Bruch selbst beziehungsweise seinen K\u00f6rper zu einem zentralen Schauplatz des Geschehens gemacht. Hier repr\u00e4sentiert er sich noch in schemenhaft-zeichenartiger Andeutung. Wie eine Chiffre verweist seine Silhouette auf einen vielschichtigen menschlichen Kosmos, in dem famili\u00e4re und gesellschaft-liche, psychologische, kulturelle und zeitgeschichtliche Einfl\u00fcsse zusammenflie\u00dfen. Die Untersuchung des Anderen im Eigenen mittels verschiedener Strategien des Rollenspiels und der Selbstbegegnung durch Verdopplung und Vervielf\u00e4ltigung ist ein zentrales Motiv seines mehrstr\u00e4ngigen, Medien \u00fcbergreifenden Ansatzes, der (interaktive) Installationen, Skulpturen, Filme, Body Art und Performances vereint.<\/p>\r\n\r\n<p>Immer wieder hat sich Torsten Bruch selbst dupliziert: etwa als leicht monstr\u00f6ses Baby, das in <strong><em>Autoerotik mit Selbstportrait<\/em><\/strong> von 1999 im Doppelg\u00e4ngermodus auftritt. In der dreiteiligen Installation <em><strong>Auto-Single<\/strong><\/em> von 2004 formt er sich in Fragmenten aus br\u00fcchiger Baiser-Masse nach und tritt parallel in Gestalt mehrerer Musizierender eines Geisha-Orchesters auf, das vom Video aus dem wie ein arch\u00e4ologisches Fundst\u00fcck anmutenden Selbstbildnis des K\u00fcnstlers ein Konzertst\u00e4ndchen bringt. Drei gefilmte Selbstportraits, aufgenommen im Juli 2006 aus der Distanz einer Arml\u00e4nge, werden als Triptychon vereint zur<strong><em> Auto Chronographe<\/em><\/strong>, die ihm die eigene Fremdheit vor Augen f\u00fchrt, beziehungsweise die Unm\u00f6glichkeit der eigenen, stets im Fluss befindlichen Identit\u00e4t verbindlich habhaft zu werden. In dem gut halbst\u00fcndigen Film <em><strong>Blaubart<\/strong><\/em> (nach dem Theaterst\u00fcck \u201eBlaubart \u2013 Hoffnung der Frauen\u201c von Dea Loher) wiederum hebt der K\u00fcnstler die Grenzen zwischen Selbst und Anderem vollst\u00e4ndig auf. Denn in dieser Fassung des Stoffs verk\u00f6rpert er sowohl den M\u00f6rder Blaubart als auch die ihn liebenden sieben Frauen, die Blaubart allesamt bis auf eine umbringt. Diese t\u00f6tet schlie\u00dflich Blaubart, eine komplexe Vertauschung von T\u00e4ter- und Opferrolle. In Bruchs Worten: \u201eDer Frauenm\u00f6rder wird zum Selbstm\u00f6rder. Die dramatische Aufl\u00f6sung kehrt zu ihrer urspr\u00fcnglichen Matrix zur\u00fcck.\u201c<\/p>\r\n\r\n<p>Die m\u00e4nnliche und weibliche Elemente sowie sexuelle und mechanistische Funktionsweisen verschmelzende \u201eJunggesellenmaschine\u201c, wie sie prominent von Marcel Duchamp ausgeformt wurde, zieht sich als zentrale Figur durch die Arbeiten des K\u00fcnstlers, der wiederholt die Gender-Grenzen spielerisch \u00fcberwunden und unter anderem im Rahmen der Performance <strong><em>F\u00fcr Aurora<\/em><\/strong> (2002) das Gem\u00e4lde der Gr\u00e4fin Maria Aurora von K\u00f6nigsmarck in ma\u00dfgeschneidertem historischen Samtgewand personifiziert hat. Sexualit\u00e4t als Wechselspiel von weiblichen und m\u00e4nnlichen Kr\u00e4ften kam in <strong><em>Kampf der Geschlechter<\/em><\/strong> (2001), bestehend aus riesigen Stoffobjekten in Gestalt von femininen und maskulinen Geschlechtsorganen, mit der die Betrachter gegeneinander antreten konnten, ebenso zum Tragen wie in der raumgreifenden Video- und Toninstallation <strong><em>Come Close Space<\/em><\/strong>, realisiert im Juni 2006 im Le Fresnoy-Studio National des Arts Contemporains, Frankreich. Hier hat Bruch eine regelrechte Sitz- oder Liegelandschaft aus golden bezogenen Polstermobiliar geschaffen, in denen das Publikum, je nach Position, eine weibliche und eine m\u00e4nnliche Seite in entsprechenden Projektionen zu sehen bekam: Auf der einen agierte eine Frau, auf der anderen ein Mann. Es ging dabei um Versuche der Ann\u00e4herung und gegenseitigen Ber\u00fchrung, die zun\u00e4chst im Raum der Bilder an scheinbar un\u00fcberwindbare Grenzen zwischen beiden \u201eWelten\u201c &#8211; Mann\/Frau, Kunst\/Leben \u2013 stie\u00dfen. Zuletzt deutete ein Kuss auf die m\u00f6gliche Aufl\u00f6sung der Barrieren zwischen femininem und maskulinem Terrain, Bild und Wirklichkeit.<\/p>\r\n\r\n<p>Der Aspekt der Publikumsteilnahme, in diesem Fall durch Platzierung der Betrachtenden buchst\u00e4blich inmitten oder zwischen den beiden Zonen der Handlung, ist ein weiteres wiederkehrendes Moment im Werk des K\u00fcnstlers. Wir finden es beispielsweise in humorvoll-bedrohlicher Form bereits in der <strong><em>Masochistischen Dienstleistungsinstallation<\/em><\/strong> von 2000, in welcher der K\u00fcnstler, flankiert von dem erw\u00e4hnten Baby-Selbstbildnis und einem skulpturalen Mischwesen aus Ton (Domina Lady), das die \u201ebesonderen Vorz\u00fcge von acht verschiedenen Frauen\u201c (Bruch) einte, Interessenten f\u00fcr die Dauer der Aktion eine Massage erteilte. F\u00fcr<strong><em> Umarmung<\/em><\/strong> (2000) hat Bruch Kastenobjekte gefertigt, in die Passanten am Hauptbahnhof Braunschweig mit dem Kopf eintauchen und sich visuell von Mann, Frau oder einem Paar umfangen lassen konnten. Und in <strong><em>K\u00fcss mich<\/em><\/strong> aus dem Sommer 2002 hat der K\u00fcnstler antizyklisch \u00fcber einem Podest einen Mistelzweig drapiert. Ovale Selbstportraits, die im Kreis um das Podest in der Luft schwebten, zeigten Bruchs Antlitz in mimischer Metamorphose von ernst bis traurig, verwundert bis heiter. Vom Radius her war ein K\u00fcssen der Portraits kaum m\u00f6glich, es sei denn, man h\u00e4tte sich darin im freien Fall versucht.<br \/>Als Hauptthema des K\u00fcnstlers bleibt \u2013 aller Vielfalt seiner Verfahren zum Trotz \u2013 die Auseinandersetzung mit der Auslotung und Aufhebung der Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Anderen, dem Ich und dem Gegen\u00fcber bestehen. Dass dieses Andere auch in der Selbstbegegnung entdeckt und zur Anschauung gebracht werden kann, machen seine Arbeiten intensiv erlebbar. Doch verhandelt er in seinen von groteskem Witz durchwirkten dekonstruktiven Rollenspielen stets auch das Problem des Scheiterns von Ann\u00e4herungen \u2013 ob es um Selbsterkenntnis, Geschlechterdifferenzen, oder gar um die M\u00f6glichkeit zwischenmenschlicher Verschr\u00e4nkung durch Freundschaft und Liebe geht. Inwieweit sich das Individuum mit seinen Widerspr\u00fcchen und schillernden Facetten, seinen m\u00e4nnlichen und weiblichen Anteilen und seiner F\u00fclle an Eigenschaften jemals ersch\u00f6pfend selbst zu erkennen vermag, l\u00e4sst Torsten Bruch als nachhaltige offene Frage im Raum stehen.<\/p>\r\n\r\n<p><em>Belinda Grace Gardner, Hamburg, 2009<\/em><\/p>\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>[\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row]<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[vc_row][vc_column][vc_column_text font_weight=&#8220;100&#8243; responsive_line_height=&#8220;.wpb_text_column_1217852473 .wpb_wrapper{desktop:px;tablet:px;tablet_portrait:px;mobile_landscape:px;mobile:px;property:line-height}&#8220;] Begegnungen des Anderen im Eigenen &nbsp; Torsten Bruchs dekonstruktive Rollenspiele und Selbstbefragungen Ein Text von Belinda Grace Gardner. 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